
Hitzewelle auf 3000 Metern
Während die Schweiz unter einer Hitzewelle ächzt, schmilzt am Gornergletscher täglich rund 10 cm Eis. Science Alliance Member und Gletscherforscherin Mylène Jacquemart war dabei, hier ist ihr Bericht.
Zürich, 24. Juni. Bei erdrückenden 35° steige ich in den Zug Richtung Bern. Immerhin gut klimatisiert, danke, liebe SBB! Einige Stunden später fühlt es sich in Herbriggen im Mattertal nur wenig kühler an, aber immerhin hat sich die Sonne bereits hinter die hohen Felswände verzogen. Nach einer Woche, in der scheinbar jeder Tag neue Temperaturrekorde bringt, freue ich mich auf eine Woche in der Höhe. Doch selbst in Herbriggen ist die Nacht warm, der Schlaf nur wenig erholsam. Erst als wir auf dem Rotenboden aus der Gornergratbahn steigen, fühlt sich die Temperatur wieder mal erträglich an. Auf geht’s zum Gornergletscher. Wir folgen der alten Moräne vom Gletscherhöchststand von 1850 und steigen dann steil hinunter zum Gletscher. Im prallen Sonnenschein kommen wir auch hier schnell ins Schwitzen!
Unten auf dem Gletscher weht ein angenehm kühler Wind. Der Gletscher, respektive die (einigermassen) nahegelegene Monte Rosa Hütte, wird für die nächsten paar Tage unser zu Hause sein. In einem Bohrloch versenken wir Kabel, um die Eistemperatur und die Eisdeformation zu messen. Jeden Tag steigen wir von der Hütte rund 500 Höhenmeter ab, um uns um unsere Instrumente zu kümmern. Der Gletscher ächzt förmlich unter den hohen Temperaturen. Täglich stürzt am Gletscherrand mehr Eis in die rauschenden Bäche, auf dem Gletscher frisst sich das Schmelzwasser immer tiefere Kanäle ins Eis. Wo an einem Tag noch ein Bach floss, klafft am nächsten Tag eine tosende Gletschermühle, in der sich riesige Wassermengen in die Tiefe stürzen. Auch um unsere Instrumente schmilzt alles dahin. Nach drei Tagen müssen wir das Zelt mit den Messinstrumenten zügeln, weil es immer weiter erhöht steht als das umliegende Gelände. An unseren Messstangen sehen wir, dass tagtäglich rund 10cm Eis wegschmilzt. Der Blick gletscheraufwärts ist nicht weniger ernüchternd. Dunkles Eis statt weissem Schnee. Der Steinschlag aus den Felswänden am Liskamm färbt die Eisflanken dunkel. Erst am 30. Juni kühlt es einige Grad ab. Ein starkes Gewitter bringt sogar einen Hauch Schnee auf den hohen Gipfeln. Eine wahre Verschnaufpause ist es für die arg gebeutelten Riesen aus Eis und Fels nicht, aber immerhin sieht es wieder etwas hübscher aus.