Elektrisch oder nicht? Oder: Abwarten ist bei Elektroautos die falsche Strategie

Abwarten ist bei Elektroautos die falsche Strategie

Gastbeitrag von Prof. Anthony Patt, ETH Zürich

Soll man auf Elektrofahrzeuge umsteigen oder besser andere Technologien abwarten? Aktuell stellen Elektroautos die einfachste Möglichkeit dar, den Strassenverkehr CO2-neutral zu gestalten. Sie sind ein unverzichtbarer Schritt hin zu einem sauberen Energiesystem, meint Anthony Patt.

Das letzte Jahr war ein gutes für die Elektromobilität. Dank neuen, erschwinglichen Modellen mit grösserer Reichweite haben Elektroautos Marktanteile gewonnen. Verschiedene Länder wie China, Indien, Frankreich und Grossbritannien haben zudem angekündigt, den Wechsel von Benzin- zu Elektroautos politisch zu forcieren.

Vor Jahren reagierte die Ölindustrie auf die wissenschaftlichen Belege für den Klimawandel mit Fehlinformationen, um in den Medien Unsicherheit zu verbreiten [1]. Die Absicht: Die Gesellschaft sollte abwarten und zuerst sicher sein, dass der Klimawandel real ist, bevor sie Massnahmen ergreift. Jetzt scheint Ähnliches zu passieren bei Elektroautos. Ein Teil der Berichterstattung zu Elektroautos streut Zweifel an deren Umweltfreundlichkeit [2]. Viele Menschen, mit denen ich spreche, fragen sich deshalb, ob die Elektromobilität wirklich so gut ist.

Sind Elektroautos umweltfreundlicher?

Der schwerste Vorwurf an die Adresse der Elektroautos lautet, dass sie mehr CO2 ausstossen als Benziner. Verschiedene Studien treffen die unterschiedlichsten Annahmen (die alle falsch sind, soweit ich das beurteilen kann), um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen. Die einfachste ist, dass der Strom für Herstellung und Betrieb CO2-intensiv ist.

Natürlich gibt es Länder, die hauptsächlich auf Kohle und damit die schmutzigste aller Energiequellen setzen. Aber heute sprechen auch wirtschaftliche Faktoren gegen neue Kohlekraftwerke. Der Anteil der Kohle an der Energieproduktion sinkt.

Für das Klima müssen wir langfristig alle Emissionen aus der Energieerzeugung vermeiden. Dieser Übergang zu sauberer Energie hat bereits begonnen. Ob er schnell genug erfolgt, bleibt abzuwarten. Dennoch: Elektroautos werden jedes Jahr umweltfreundlicher und irgendwann auch CO2-neutral. Hingegen setzt jeder verbrannte Liter Benzin stets 2,3 kg CO2 frei.

Abwarten und Tee trinken ist keine Option

Manche argumentieren, wir sollten Benzinmotoren effizienter machen und erst auf Elektroautos umsteigen, wenn die übrige Energieversorgung umweltfreundlicher ist. Das lässt ausser Acht, wie viel Zeit solche Prozesse brauchen. Komplett auf Elektroautos umzusteigen nimmt genau wie die Transition zu sauberer Energie Jahrzehnte in Anspruch. Wenn wir beide Ziele parallel verfolgen, sparen wir wertvolle Zeit.

Ein weiteres Argument fürs Abwarten lautet, dass es schon bald bessere Technologien gibt. Zum Beispiel Wasserstoff-Brennstoffzellen und alternative Flüssigbrennstoffe. Ergeht es uns hier wie mit den LED-Leuchten, die die Geschäfte überfluteten, nachdem wir alle auf Energiesparlampen umgestiegen waren?

Andere Brennstoffe machen das Rennen nicht

Wasserstoff ist als Energieträger grundsätzlich weniger effizient als Batterien. Für Wasserstoff spricht allerdings, dass er dieselbe Reichweite und Auftankzeit bietet wie normales Benzin. Noch vor einigen Jahren war das ein gewichtiges Argument – heute nicht mehr. Neue Elektroautos haben Reichweiten von mehr als 400 km, was für 99 Prozent aller Fahrten völlig ausreicht. Für das restliche Prozent besteht bereits heute ein Netz von Schnellladestationen an Autobahnraststätten. Bis wir aber ein Wasserstoffversorgungssystem aufgebaut oder unsere Gasleitungen umgebaut haben, sind Elektroautos und ihre Infrastruktur noch viel weiterentwickelt. Dieses Rennen kann Wasserstoff nicht gewinnen.

Zu den Biotreibstoffen: Sie ausreichend zu produzieren und damit herkömmliche Treibstoffe zu ersetzen, wäre verheerend für die Artenvielfalt, unsere Wasservorräte und die Nahrungsmittelproduktion.

Es ist aber auch möglich, mit erneuerbarer Energie aus Wasser und CO2 flüssige Kohlenwasserstoffe herzustellen. Diese Power-to-Fuel-Technologie ist relativ preisgünstig, wenn das CO2 aus Abgasen von der Verbrennung fossiler Brennstoffe stammt. Um aber gar keine Emissionen zu produzieren, müsste das CO2 aus der Umgebungsluft kommen. Dies ist – hauptsächlich aufgrund des dafür nötigen Energieaufwands – sehr teuer. Ich bin überzeugt, dass wir auf diese Weise künftig Flugzeugtreibstoffe herstellen werden, weil es sonst keine realistische Möglichkeit gibt, Fliegen CO2-neutral zu gestalten. Dass diese Brennstoffe aber billiger werden als der Strom für den Fahrzeugantrieb, bezweifle ich stark.

Wenn Autos, dann Elektroautos – und zwar jetzt!

Wir können viel Gutes tun, indem wir weniger Auto fahren. Um die verbleibenden Autos auf den Strassen CO2-neutral zu machen, ist es am besten, sie mit Batterien statt Benzinmotoren auszustatten. Je schneller wir diesen Wandel vollziehen, desto besser.

Dieser Artikel erschien erstmals Ende 2017 auf dem Zukunftsblog der ETH Zürich.

Literaturnachweis

[1] Supran, G. & Oreskes, N. Assessing ExxonMobil’s climate change communications (1977–2014). Environmental Research Letters 12, 084019 (2017).

[2] Szymkowski, S. Bizarre Swedish study claims electric cars are worse for the environment. Green Car Reports (2017).